100 Jahre Kirchengeschichte Zwischenahn Pastor Christian Wöbcken kehrt an alte Wirkungsstätte zurück

Pastor Christian Wöbcken Foto: Marken

Pastor Christian Wöbcken war von 1979 bis 2017 für die Ev.-luth. Kirchengemeinde Zwischenahn tätig, mit die längste Dienstzeit eines Pastors in Bad Zwischenahn. Jetzt kam er zu seiner alten Wirkungsstätte zurück und hielt im Rahmen der Sommerkirche sowie anlässlich der Feierlichkeiten „100 Jahre Bad“ am 25. Juli 2019 im Haus Feldhus einen Vortrag über 100 Jahre Kirchengeschichte. Trotz der hohen Temperaturen waren viele Gäste gekommen, und das Haus Feldhus war bis auf den letzten Platz besetzt. Wöbcken berichtete, dass die Bauarbeiten der St.-Johannes-Kirche 1124 in der Nähe der oldenburgisch-gräflichen Burg am See begonnen haben sollen und 1134 die Kirche auf den Namen „Sankt Johannes der Täufer“ geweiht wurde. Nach der Iburger Klosterchronik schenkte Graf Egilmar I (geb. um 1040) von Oldenburg bereits 1108 dem Kloster Iburg neunzig Bund Aale. Zu den Nachkommen von Egilmar gehören u. a. das dänische Königshaus und in direkter männlicher Linie der Prince of Wales, Charles. Somit hat der britische Thronfolger auch ammerländische Wurzeln. Um 1200 war der Kirchturm fertiggestellt und um 1480 der Glockenturm, so Wöbcken weiter. Zu dieser Zeit wurde das Kirchenvermögen von besser situierten Bauern verwaltet. 1496 waren Dietrich zu Eyhausen (geb. um 1460) und Brun im Garnholt Kirchgeschworenen-Vorsteher bzw. Ratmänner der St-Johannes-Kirche. 1573 wurde in Zwischenahn die Reformation endgültig eingeführt, so Wöbcken, und Plattdeutsch wurde statt Latein die gottesdienstliche Sprache. Ein eklatanter Einschnitt in die Zwischenahner Kirchengeschichte war der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918. Wöbcken berichtete, dass auch die Zwischenahner Kirche den Krieg verherrlicht und ihn „als Tat Gottes verstanden“ hat. Umso erstaunter waren die Kirchenvertreter, als 1917 zwei Glocken der Kirche beschlagnahmt und für Kriegszwecke eingeschmolzen wurden. Erst 1924 erhielt St. Johannes zwei neue Glocken, die aber 1942 wiederum für den Krieg beschlagnahmt und eingeschmolzen wurden. Lediglich die 1489 gegossene St-Annen-Glocke hat beide Kriege unversehrt überstanden. Dass aus den Schrecken des I. Weltkrieges noch nicht viel gelernt wurde, wird auch Ende 1919 durch „die Freude über den Beschluss zur Errichtung zweier Ehrendenkmäler“ unter Missbrauch eines Bibelverses deutlich, so Wöbcken. Ein Denkmal entstand „im unteren Turmraum der St.-Johannes-Kirche, das andere im sogenannten Heldenhain“, so Wöbcken weiter. Erst als Fritz Schipper 1923 in St. Johannes als neuer Pastor eingeführt wurde, stabilisierte sich die kirchliche Situation wieder langsam. Schippers Sohn Paul gründete 1926 auch den Zwischenahner Posaunenchor, der heute von Alfred Gründer geleitet wird und in sieben Jahren sein 100-jähriges Jubiläum feiert. Während der Amtszeit von Schipper wurde 1929 der Neue Friedhof am Diekweg angelegt und 1938 die Friedhofskappelle errichtet. Neues Unheil kam dann mit den Nationalsozialisten auf das kirchliche Leben zu, die versuchten, die Kirchenarbeit massiv zu beeinflussen. Wöbcken: „Im Jahr 1933 wurde bei der Wahl zum Gemeindekirchenrat eine nationalsozialistische Liste gewählt.“ Im März 1934 wurde J. Volkers, der zu dieser Zeit den Deutschen Christen angehörte, zum neuen Oberkirchenrat der Evangelisch-Lutherischen Kirche Oldenburg ernannt. Die Deutschen Christen war eine 1931 gegründete eigene Kirchenpartei, die rassistisch und antisemitisch ausgerichtet war und sich am Führerprinzip orientierte. Im August 1934 wurde Volkers zum Landesbischof ernannt. Als Oppositionsbewegung zu den Deutschen Christen wurde im Mai 1934 die Bekennende Kirche gegründet. Der bekannteste Vertreter dieser Organisation war Dietrich Bonhoeffer, der Anfang April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Ab ca. Mitte April 1945 wurde Zwischenahn häufig von den Alliierten bombardiert, und Wöbcken berichtete, dass am 23. April der Kirchturm und der Wasserturm getroffen wurden. Ein kanadischer Veteran sagte vor wenigen Jahren zu Wöbcken: „Was, die Kirche steht noch, wir haben doch immer auf den Turm geschossen.“ Nach dem Krieg änderte sich die kirchliche Situation in Zwischenahn verbunden mit der Zusammensetzung der Kirchengemeinde. Bereits im März 1945 kamen die ersten Flüchtlinge aus Pommern und Ostpreußen. Wöbcken: „Zwischenahn hatte im Ammerland die meisten Flüchtlinge zugewiesen bekommen, vor allem Schlesier, auch viele Ostpreußen.“ Durch die Flüchtlinge stieg der Gottesdienstbesuch erheblich, aber auch viele Zwischenahner fanden den Weg zurück in die Kirche. Im August 1945 wurde Peter Bultmann nach Bad Zwischenahn berufen und im September als Nachfolger des mit 72 Jahren pensionierten Pastors Schipper eingeführt. Wöbcken: „Peter Bultmann ist den Zwischenahnern als vorbildlich engagierter Pastor und vielleicht populärster Seelsorger der Nachkriegszeit in Erinnerung geblieben.“ Aufgrund der steigenden Kirchenmitglieder wurde dann 1947 eine Pfarrstelle Zwischenahn II eingerichtet. 1954 wurde dann eine III. Pfarrstelle in Dreibergen und 1966 eine IV. in Rostrup errichtet, so Wöbcken. Im Jahr 1974 wurde für den östlichen Teil Zwischenahns und die Kurseelsorge eine V. Pfarrstelle geschaffen, wobei 1983 für die Kurseelsorge eine VI. Gemeindestelle eingerichtet wurde, so Wöbcken weiter. Wöbcken: „Den größten Einschnitt in der jüngsten Geschichte der Kirchengemeinde bildete aber der Dienstantritt von Pastor Bernhard Menke“, der 1972 nach Bad Zwischenahn kam. Menke gab der Kirchengemeinde ganz neue Impulse, und lt. Wöbcken „wusste er die nötigen finanziellen und organisatorischen Hebel mit großer Ausdauer zu bedienen.“ Da im Ort Zwischenahn die Räumlichkeiten für eine gute Gemeindearbeit nahezu fehlten, hatte Menke bereits bei seinem Antrittsbesuch bei dem damaligen Gemeindedirektor Walter Dreyer die Idee, das verfallene Bauernhaus Feldhus (vormals Hausmannsstelle Ehmken) zum Gemeindezentrum auszubauen. Die Vertragsmodalitäten waren dann schnell geregelt. Auf Vermittlung des damaligen Bauamtsleiters Martin Lienemann wurden lt. Wöbcken „noch 580.000,00 DM aus dem Konjunkturförderprogramm locker gemacht“, so dass die Kirchengemeinde zu relativ günstigen Konditionen 1975 ein neues Gemeindezentrum erhielt. Wöbcken: „In der dritten großen Krise der letzten 100 Jahre scheinen wir noch mitten drin zu stecken: der zunehmenden Säkularisierung und dem Bedeutungsverlust von Kirche und Religion.“ Die Gemeindemitglieder der Ev.-luth. Kirchengemeinde Zwischenahn sind von 16.000 in 1970 auf inzwischen weit unter 11.000 gesunken. Wöbcken: „Kirche scheint sich in den letzten Jahren hauptsächlich mit sich selbst zu beschäftigen und den Anschluss an menschliche Realitäten zu verlieren.“ Dieses birgt nach Wöbckens Ansicht für unser zukünftiges Zusammenleben viele Gefahren, die nur gemeinsam bewältigt werden können.

Günter Marken

 

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